Ein Stasi-Major lässt 20 Jahre Tätigkeit im Dienste der Staatssicherheit Revue passieren. Diesen Monolog illustriert der israelische Regisseur Eyal Sivan in seinem Film „Aus Liebe zum Volk“ mit nie gesehenen Aufnahmen aus der Gauck-Behörde: Schulungsfilmen, Mitschnitten von Verhören, Verhaftungen, Wohnungsdurchsuchungen. Ein Film über real existierende Kontrollfreaks aus dem Überwachungsstaat DDR und ein spannender Blick auf ein paranoides Regime.
Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser... Jeder ist verdächtig... das Motto im Überwachungsstaat. Die Stasi hielt den Alltag der DDR im Schach - alles „Aus Liebe zum Volk“. So rechtfertigt sich ein Stasi-Mann an seinem letzten Arbeitstag im Februar 1990. Im Film fungiert er als unsichtbarer Erzähler, der selbst im Leierkastenmann den Staatsfeind vermutet.
„Dieser Stasi-Offizier passt perfekt in das System“, sagt Regisseur Eyal Sivan. „Das ist kein Extremist, kein Psychopath - sondern ein 'Normalopath': Er kommt mitten aus der Gesellschaft.“ Seine Mit-Regisseurin fährt fort: „Sie wollten alles sehen - und sie sahen nichts. Es gibt all diese Totalen von den Demonstrationen, aber man kann niemanden darauf erkennen.“
Das Tagebuch des ausgedienten Stasi-Manns kombinieren die beiden Dokumentarfilmer mit bisher nie gesehenem Bild- und Tonmaterial. Erstmals hatten sie Zugang zum bisher verschlossenen Filmarchiv der Birthler-Behörde. Sie fanden Defa-Dokus, Stasi-Schulungsfilme, filmische Verhör-Protokolle und Amateurstreifen unbekannter Herkunft.
„Das ist so ähnlich wie mit der Geschichte des Nationalsozialismus“, meint Eyal Sivan. „Diese Erinnerungsarbeit muss getan werden um zu verstehen, wie eine so hoch entwickelte, gebildete - auch moralisch gebildete - Gesellschaft wie die deutsche solche Monster hervorbringen konnte.“
Misstrauen als System: Auch die Familie ist verdächtig. Die Schnüffler sehen alles und blicken in einen Abgrund von Banalität und Kleinbürgermief. Die Stasi ist Geschichte, aber ihre Methoden sind noch immer aktuell. Die Filmemacher ziehen auch Parallelen zum Sicherheitswahn nach dem 11. September 2001.
Am Ende zitieren Eyal Sivan und Audrey Maurion noch einmal den anonymen Stasi-Offizier: „Zur Stunde will uns niemand haben. Aber das kann sich von Tag zu Tag ändern. Jeder Staat hat innere und äußere Feinde. Eines Tages werden wir wieder gebraucht.“ Eine gespenstische Vision. Und ein höchst gegenwärtiger Film über die Illusion der Allwissenheit.
Source : 26.04.2004